Die Zukunft der Rebellion: Eine Anleitung

Es ist Zeit für die ultimative Revolution: Micah White, Mitbegründer von Occupy Wall Street, schreibt schonungslos selbstkritisch über seine Zeit in der aktiven Protestszene und zieht zugleich eine Bilanz der internationalen Protestgeschichte. Dabei stellt er glasklar fest: Wir brauchen eine neue Form der Rebellion. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass der Protest allein Regierungen weder zum Zuhören noch zum Handeln zwingen kann. Eine oppositionelle Bewegung ist erst dann erfolgreich, wenn das kollektive Wirken auch Neues schafft. Wie das funktionieren kann, beschreibt Micah White überraschend einfach und liefert konkrete Strategien und Taktiken für eine erfolgreiche, weltweite Revolution. Er ist die moralische Stimme der gegenwärtigen Protestgeneration. Und dieses Buch sein leidenschaftlicher Appell an alle Aktivisten der Zukunft.


Der Mann, der die Wall Street stürzen wollte

Micah White ist Mitbegründer der Protestbewegung „Occupy Wall Street“, die sich in der Finanzkrise von den USA über die halbe Welt verbreitete – ehe sie letztlich scheiterte. Sagt zumindest White selbst. Die Finanzwelt ist nach wie vor ein gefährlicher Ort. profil traf den US-amerikanischen Aktivisten zu einem Gespräch in Wien.

Es begann mit einer Fotomontage: Im Vordergrund ist die berühmte Bronzestatue „Charging Bull“ zu sehen, der ikonische Stier der New Yorker Wall Street. Auf ihm balanciert seelenruhig eine Ballerina. Im Hintergrund nähern sich in Tränengas gehüllte Demonstranten. Dazu die Aufschrift: „What is our one demand? #Occupywallstreet. September 17th. Bring tent.“ („Was ist unsere eine Forderung? #Occupywallstreet. 17. September. Bringt ein Zelt mit.“)

Es entspann sich eine der weltweit größten Protestbewegungen gegen die Macht der Banken und die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Am 17. September 2011 besetzen rund 1000 Menschen den Zuccotti Park im Süden Manhattans, nahe dem Finanzdistrikt Manhattans. Ihr Protest traf den Nerv der Zeit: Mehr als die Hälfte der US-Amerikaner sympathisierten (laut Meinungsumfragen) damals mit den Demonstranten in New York.

Einen Monat später hatte sich die Bewegung globalisiert. Am 15. Oktober 2011 formierten sich Proteste in 82 Ländern. In annähernd 1000 Städten okkupierten Demonstranten vorübergehend Finanzdistrikte und Regierungsviertel.

Geschaffen hatte das Poster mit der Ballerina das antikapitalistische Magazin „Adbusters“ aus Vancouver. Maßgeblich daran beteiligt waren Kalle Lasn, der Gründer des Magazins, und Micah White, ein junger US-amerikanischer Aktivist und „Adbuster“-Redakteur. Sie waren enthusiasmiert vom Erfolg ägyptischer Demonstranten, die den Tahir-Platz in Kairo besetzt und den langjährigen Diktator Mubarak gestürzt hatten. Das Gleiche wollten Lasn und White nun in den USA versuchen – mit dem Unterschied, dass der Protest sich nicht gegen einen Diktator richtete, sondern gegen die Macht des Geldes.

Bereits in seiner Schulzeit hatte sich Whites aufmüpfiger Charakter manifestiert. In der Mittelschule weigerte er sich, für die amerikanische Flagge aufzustehen. Auch auf der High-School legte er sich mit der Schulleitung an: Er forderte, dass ein von ihm gegründeter Atheisten-Klub gleich behandelt wird wie andere religiöse Gruppen an seiner Schule – und setzte sich damit durch. Als Student demonstrierte er wie Millionen andere weltweit gegen den Irak-Krieg.

Mitte November 2011 räumten Polizisten den Zuccotti Park in New York. Aktivisten besetzten den Platz später erneut, doch die Aufbruchsstimmung war dahin. Als sich die Camps langsam auflösten, war das auch der Anfang vom Ende von „Occupy“ – weltweit.

Proteste hin oder her. Die Finanzwelt ist durch neue Regulierungen ein wenig sicherer geworden, als sie es vor der Pleite von Lehman Brothers 2008 und den darauf folgenden staatlichen Bankenrettungsprogrammen rund um den Globus war. Aber nur ein wenig. Längst warnen Ökonomen vor der nächsten Krise.

So gesehen ist die „Occupy“-Bewegung an ihren eigenen (zugegebenermaßen hehren) Ansprüchen gescheitert. Und doch setzten Micah White und seine Mitstreiter ein nachhaltiges Ausrufzeichen. Die Erfahrungen inspirierten den 36-Jährigen zu seinem Buch „The End of Protest. A new Playbook for Revolution“ (in deutscher Fassung: „Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung“).

White weilte vergangene Woche zu einem Referat in Wien. profil hatte Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

profil: Herr White, Sie kommen gerade von einem Vortrag auf einer Finanzmesse. Da referierten hauptsächlich Banker, Vermögensverwalter und Manager von Industrieunternehmen. Micah White inmitten der Geldelite – wie fühlt sich das an?

White: Ich war schon erstaunt, als ich mir die Website vom Event angeschaut und die anderen Gäste gesehen habe. Allgemein ist es aber so, dass ich dahin gehe, wohin ich eingeladen werde. Man kann zu jedem Publikum gehen und sagen: „Hier ist die Zukunft von sozialen Protesten.“ Auch wenn es keinen Wandel will, schadet es nicht meinem Anliegen. Es schadet der sozialen Bewegung nicht, und es bringt den Bankern nichts. 

profil: Sie waren einer der Co-Initiatoren der „Occupy Wall Street“-Proteste 2011 und haben sich dabei von den Protesten in Ägypten inspirieren lassen, die zum Sturz des langjährigen Diktators Mubarak führten. Aber was trieb Sie auf die Straße?

White: 2010 hatte das Verfassungsgericht in den USA entschieden, dass Konzerne und Gewerkschaften unbegrenzt Spenden an Politiker vergeben dürfen. Wir leben in einer Situation, wo die Wahlen der Politiker gewinnt, der die meisten Spenden sammelt. Das ist in fast 90 Prozent der Fälle so. Wir wollten damals Amerikas Mubarak stürzen. Und das war die Wall Street.

 profil: Die Wall Street steht immer noch.

White: Wir haben damals eine neue Art von sozialem Aktivismus entfacht und eine neue Generation von Aktivisten geschaffen. Aber die Fehlschläge wiegen bei Weitem schwerer als die Erfolge. Die Welt von 2018 ist der Welt von 2011 auffallend ähnlich. Besonders wenn es um den Finanzkapitalismus geht. Auch bei der Frage, wer die eigentliche politische Macht besitzt, hat sich kaum etwas geändert. Ich finde das enttäuschend. 

profil:
 Hat Sie das wirklich überrascht?

White: Ich sehe mich selbst als ein Revolutionär.

Wenn wir uns die Geschichte der Revolutionen anschauen, dann stellen wir fest, dass erfolgreichen Revolutionen oft eine gescheiterte vorangegangen ist. Der Russischen Revolution ist eine gescheiterte Revolution 1905 vorangegangen. Das erste Mal, wo wir eine Revolution starten, testen wir eigentlich unsere naiven Annahmen. Und „Occupy“ war eine unheimlich naive und idealistische Bewegung. 2011 glaubten wir wirklich: Wenn wir auf der Straße marschieren mit Millionen von Menschen, dann würde der Wandel kommen. Das Gute daran ist, dass wir viele unserer naiven Annahmen loswerden konnten. 

profil:
 Womöglich waren Ihre Ziele doch nicht mehrheitsfähig.

White: Hinter allen revolutionären Bewegungen stand nie wirklich die Mehrheit. Sie beanspruchten nur für sich, die Mehrheit zu vertreten. „Occupy“ hat sich in 82 Ländern ausgebreitet, aber der Anteil an der Gesamtbevölkerung war sehr klein. Es wird wohl nie eine Bewegung geben, wo mehr als 50 Prozent aktiv an den Protesten teilnehmen. Aber ich kann mir eine Bewegung vorstellen, wo vielleicht ein halbes Prozent der Bevölkerung aktiv demonstriert und es dennoch schafft, breitere Sympathie oder zumindest Akzeptanz zu erhalten. Man kann ja nicht von allen erwarten, dass sie protestieren. 

profil:
 Sie beschreiben in Ihrem Buch „The End of Protest“ die „spirituelle Kraft“, die bei sozialen Protesten mitspielt. Wie war das bei „Occupy Wall Street“?

White: Soziale Bewegungen können tatsächlich eine religiöse Erfahrung sein. Ich denke, jeder, der jemals bei einem riesigen sozialen Protest dabei war, kennt das: Dieses kollektive Gefühl, das einzigartig ist. Auch bei „Occupy“ lag diese Energie in der Luft. Es war gewissermaßen eine spirituelle Erfahrung. 

profil: Sie haben sich in Ihrem Buch mit dem Scheitern von „Occupy Wall Street“ auseinandergesetzt. Ihre Hauptthese darin: Unsere alte Art, zu protestieren, ist gescheitert. Wir müssen neue Wege finden. Welche?

White: Ich denke, dass sozialer Protest sich mehr dahin orientieren wird, wie tatsächliche Macht übernommen werden könnte – im Gegensatz zu der Frage, wie bestehende Macht beeinflusst werden soll. Sowohl Linke wie Rechte sind sich heute einig: Wenn man einen Wandel herbeiführen will, dann muss man an der Macht sein. 

profil: Bernie Sanders hat versucht, genau das in die Tat umzusetzen.

White: Die Sache mit Bernie Sanders ist die gleiche wie mit Trump, Obama oder Hillary Clinton. Diese Leute glauben noch immer sehr stark an repräsentative Politik. Das ist der Grund, warum ich mich eher auf Bewegungen wie die 5-Sterne-Bewegung in Italien oder Podemos in Spanien beziehe. Diese versuchen aktiv von der repräsentativen Politik wegzukommen und mehr in Richtung einer direkteren und partizipativen Demokratie zu gehen. 

profil:
 Aber auch diese Bewegungen haben ihre Repräsentanten und ihre Kandidaten.

White: Das stimmt und es ist auch eine widersprüchliche Situation. Unsere Regierungssysteme funktionieren nun einmal so. Eine Bewegung kann nicht Präsident werden, es muss eine Person sein. Aber der Unterschied ist, dass zum Beispiel bei der 5-Ster-ne-Bewegung die gewählten Leute nur Delegierte der Bewegung sind. Und wenn sie die Prinzipien der verletzen, werden sie gefeuert. So war es Bewegung bei der Bürgermeisterin in Rom, wo die Bewegung ihr die Macht wieder entzogen hat. 

profil:
 Die 5-Sterne-Bewegung bezieht auch rechte Positionen. Sie koaliert zurzeit mit der offen rechtsextremen Lega Nord. Rechtspopulistische Bewegungen sind in fast ganz Europa im Aufwind. Können sie die Wut der Menschen besser für ihren Protest nutzen?

White: Wenn wir auf „Occupy Wall Street“ zurückschauen, dann sehen wir, dass es in vielerlei Hinsicht keine rein linke Bewegung war. Es gab rechte Elemente. Besonders in Amerika. Als „Occupy“ vorbei war, spaltete sich diese schwache Koalition von links und rechts auf. Die Rechten gingen in Richtung Wahlpolitik und die Linken gingen sehr stark in die Richtung von sozialem Protest. Wir hatten Black Lives Matter, den Women’s March: Die Linke ist sehr gut geworden im sozialen Protest und die Rechte ist sehr gut darin geworden, Wahlen zu gewinnen. Aber ich bin nicht wirklich beängstigt durch die Rechten, und sie beeindrucken mich auch nicht. Die Rechten wollen wieder zurück zum Nationalismus. Das macht sie schwach in einer Welt, in der die Herausforderungen wahrhaftig global sind. 

profil:
 Im US-Wahlkampf wurde Hillary Clinton von linker Seite immer wieder ihre Nähe zur Wall Street vorgeworfen. Jetzt ist Donald Trump Präsident. Hätte die Linke Hillary Clinton mehr unterstützen sollen, um Trump als Präsident zu verhindern?

White: Nein, wir müssen die Trump-Wähler wieder für uns gewinnen. Tatsächlich ist es nämlich genau umgekehrt passiert. Viele von den „Occupy“-Leuten haben Bernie Sanders unterstützt. Nachdem Sanders gegen Clinton verloren hatte, unterstützten sie Trump. Eine Minderheit der Rechtswähler ist rassistisch, aber dann gibt es viele andere, die einfach bereit sind, den Rassismus zu tolerieren. Ich glaube, es war eine der Stärken der „Occupy-Bewe-gung“, dass sie sowohl Linke wie Rechte angezogen hat. Wir müssen versuchen, eine globale populistische Bewegung zu starten. 

profil:
 Was soll das sein?

White: Ich will nicht einer spezifischen Ideologie angehören. Mich interessieren neue Formen der globalen Regierung, die durch das Volk kontrolliert sind. Das ist, warum ich sage: globaler Populismus. Wie können wir es bewerkstelligen, dass ganz normale Menschen konkret mehr zu sagen haben, darüber, wie ihr Leben geführt wird. Wenn Sie sich die Geschichte der Demokratie anschauen, sehen Sie, dass langsam über die Jahrhunderte die Entscheidungsmacht, die wir als Menschen hatten, zurückgegangen ist. Das ist sehr traurig. 

profil:
 Ist es nicht normal, dass bei derart vielen Menschen nicht alles basisdemokratisch entschieden werden kann?

White: Uns wurde eingebläut, dass reinere Formen der Demokratie nicht funktionieren können. Die Welt ist tatsächlich enorm komplex, und dadurch wird es leichter, zu sagen: Ihr seid zu unwissend und zu viele, um diese Entscheidungen treffen zu können. Aber in einer Welt, in der eine Milliarde Menschen über Facebook vernetzt sind, sollte es möglich sein, partizipative und demokratische Prozesse auch auf globaler Ebene zu implementieren. 

profil:
 Wie stellen Sie sich das konkret vor?

White: Es ist sehr schwer, sich dies konkret vorzustellen. Es hinterfragt unsere Kernannahmen von Souveränität, die im Nationalstaat verankert sind. Wir sollten darauf hinarbeiten, auch ohne zu wissen, wie so ein System am Ende im Detail ausschaut. Es wird wahrscheinlich ganz anders sein, als wir es uns heute vorstellen. 

profil:
 Während des US-Wahlkampfs haben russische Trollfabriken soziale Bewegungen unterstützt, um die Polarisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Sie selbst haben beschrieben, wie das gezielte Unterstützen von sozialen Bewegungen in anderen Ländern zur neuen Form der Kriegsführung wird. Wie können sich Aktivisten davor schützen, zu Marionetten zu werden?

White: Regierungen weltweit merken, dass soziale Bewegungen eine kosteneffektive Art sind, um in anderen Ländern Unruhe zu stiften. Für uns Aktivisten ist es ein erster Schritt, sich dieser Tatsache bewusst zu sein. In der Geschichte gab es keine erfolgreiche Revolution, die nicht auch zu einem Teil aus dem Ausland unterstützt wurde. Das Zweite, das wir tun müssen, ist darauf zu achten, dass alle Bewegungen, die wir schaffen, global sind. Wenn also zum Beispiel Russland soziale Bewegungen in Amerika unterstützt, müssen sie fürchten, dass sich die Bewegung am Ende auch bei ihnen ausbreitet. So können wir uns wehren.

 

„Das System ist gut darin, Opposition aufzusaugen“

„Occupy Wall Street“ -Aktivist Micah White, über die Frage, was wir von 1968 lernen können und warum es sich lohnt, auch fünfzig Jahre später noch zu rebellieren.

Micah White grüßt vom Bildschirm aus. Er wirkt anders als auf dem Foto in seinem Buch „The End of Protest“, das demnächst auch auf Deutsch erscheint. Die Haare sind kürzer, nun betonen die Augen das Gesicht – ein ruhiger, kraftvoller Blick. Von seinem Büro nahe New York City ist nur eine weiße Wand zu sehen und der Schwanz einer Katze, die während des Gesprächs auf seinen Schoß springt. 

Mr. White, zu der 68er-Bewegung gehörten Großdemonstrationen unbedingt dazu. Noch heute verbinden wir mit Protest, mit Aufstand vor allem den Gang auf die Straße. Sie schreiben aber, diese Form des Protests sei am Ende. Warum? 
Die Annahme, dass unsere Regierungen auf uns hören müssten, sobald wir genug Menschen dazu bringen, auf die Straße zu gehen, beruht auf einem Mythos über Demokratie. Er besagt, dass die Macht einer Regierung an die Zustimmung ihrer Bürger gebunden ist. Wenn die Bürger demonstrieren – wenn sie diese Zustimmung also entziehen –, dann müsste die Regierung auf sie hören. Die Regierungen haben aber erkannt: Auch Hunderttausende Demonstranten können sie nicht dazu zwingen, ihr Verhalten zu ändern oder Machtpositionen neu zu besetzen. 

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Großdemonstrationen praktisch wirkungslos wurden?
Im Jahr 2003 gingen Menschen in verschiedensten Ländern, auf jedem Kontinent, gegen den Irak-Krieg auf die Straße. Trotz all dieser Proteste trieben George W. Bush und Tony Blair den Krieg voran. Das war der definitive Beweis dafür, dass westliche Regierungen der Meinung waren und sind, sie müssten auf solche Demonstrationen nicht mehr hören. 

Was sind die Konsequenzen daraus? 
Wir können Bewegungen ins Leben rufen, die Wahlen gewinnen, oder solche, die Kriege gewinnen. Nehmen wir die Zeit vor und nach 1968: Damals haben sich linksgerichtete Terrororganisationen in Deutschland, Italien, Japan, den Vereinigten Staaten gebildet. Sie alle haben den Krieg, den sie geführt haben, verloren. Also bleibt noch eine Option, eine Frage: Wie können wir sozialen Protest organisieren, dem es möglich ist, Wahlen zu gewinnen, ohne einfach nur eine politische Partei zu werden? 

In Deutschland gingen aus Teilen der 68er-Bewegung die Grünen hervor. Jedoch hat die Partei mittlerweile viele realpolitische Entscheidungen getroffen, gegen die sie selbst einst protestiert hätte. Wie kann revolutionäre Politik in und aus den gegebenen demokratischen Strukturen, also aus dem Parlament oder sogar von einer Regierung, umgesetzt werden? 
Das ist eigentlich die wichtigste Frage. Das System ist sehr gut darin, Opposition in sich aufzusaugen. Traditionell stellt sich eine Bewegung hinter eine Handvoll charismatischer Charaktere und steckt all ihre Hoffnungen in sie. Wenn diese dann aber an die Macht kommen, trinken sie Champagner, essen Kaviar und werden komplett losgelöst von der Bewegung. Es geht also darum, sich eine soziale Bewegung vorzustellen, der es gelingt, komplexe Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Sie müsste Personen an die Macht bringen, die bei wichtigen Entscheidungen auf die Bewegung zurückkommen und fragen: Was sollen wir tun?

Sie gehen also davon aus, dass revolutionäre Veränderungen im Rahmen unserer jetzigen Demokratien möglich sind, ohne diese zu zerstören? 
Da bin ich mir nicht sicher. Wie die alten Marxisten zu sagen pflegten: „Wir müssen den Staat zerschlagen.“ Als sie dann Kontrolle über den Staat hatten, veränderten sie die Art, wie er funktioniert. Das, denke ich, ist das fehlende Verbindungsstück. Niemand – nicht mal Bewegungen wie Movimento Cinque Stelle in Italien oder Podemos in Spanien, ja nicht mal US-Präsident Donald Trump – versucht fundamental die Art und Weise zu verändern, in der Entscheidungen getroffen werden. 

Sie schreiben auch über die Idee einer „Welt-Partei“. Wie sieht die aus?
Das ist für mich eine Art „goldenes Szenario“: Eine soziale Bewegung zu schaffen, die Wahlen in mehreren Ländern gewinnen und einer gemeinsamen Vision folgen kann. Es gibt immerhin Entwicklungen wie etwa „Diem25“, initiiert vom ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. So eine Bewegung wäre der Weg, Lösungen für die globalen Herausforderungen zu schaffen, denen wir gegenüberstehen. 

Erzählen Sie bitte etwas über innovative Formen von Protest und Aktivismus. 
Aktivismus beruht meist auf der Idee, dass Menschen durch bestimmte Aktionen sozialen Wandel herbeiführen wollen. Aber sehr wenige fragen, ob die Vorstellung, dass Menschen dabei der zentrale Punkt sind, falsch sein könnte. Nahrungsmittelpreise sind ein gutes Beispiel. Wenn sie auf Rekordhöhe steigen, führt das fast zwangsläufig zu revolutionären Momenten. Ich glaube deshalb, dass es für jeden Aktivisten wichtig ist zu realisieren, dass es nicht nur auf sie oder ihn selbst ankommt. 

Was bringt Menschen überhaupt dazu, nach Veränderung zu streben – und dabei auch eine aktive Rolle spielen zu wollen? 
In der heutigen Zeit geschehen ständig Veränderungen, jederzeit und überall – aber fast immer außerhalb unserer Kontrolle. Es gibt die gleichgeschlechtliche Ehe, es gibt den Klimawandel. Aber all das sind Veränderungen, die uns „angetan“ werden. Veränderung ist furchteinflößend, ich verstehe das. Und es gibt auch einen gesunden Konservatismus. Aber man müsste eine soziale Bewegung bilden, die das Potenzial hat zu gewinnen. Dann wird man schnell sehen, wie sich die Menschen hinter diese Bewegung stellen, auch wenn das zwei Wochen zuvor noch wie ein Ding der Unmöglichkeit erschienen ist. Soziale Bewegungen sind ansteckend, mitreißend, teils auch irrational. Es überrascht mich immer wieder, wie schnell die Angst vor Veränderung schwindet, sobald es einen revolutionären Moment gibt. 

Kommt es denn nicht auch auf die Idee hinter einer Bewegung an? 
Traditionell beruft sich die Linke auf ihre Rationalität, ihre Intelligenz: Wir beginnen mit einer Idee, und dann streben wir die Revolution an. Ich halte das für sehr rückwärts gedacht. Die meisten Menschen schließen sich sozialen Bewegungen und Protesten an, weil es sich gut anfühlt. Nehmen wir den Arabischen Frühling, Occupy oder Black Lives Matter: Da haben Menschen zugeschaut und sich gedacht: „Das ist irgendwie interessant.“ Dann haben sie teilgenommen und sich toll gefühlt. Erst, wenn du sie gefragt hast „Warum bist du hier?“, wurde ihnen der rationale Grund bewusst: „Oh ja, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, deswegen, ich erinnere mich.“ Der rationale Grund ist zweitrangig, der emotionale vorrangig. 

Finden Sie das vertrauenerweckend?
Natürlich ist das auch gefährlich. Die Linken hätten gerne, dass sie die einzigen sind, die riesige Menschenmengen mobilisieren können, weil sie sich ja um die Massen kümmern. Aber soziale Bewegungen sind eine Art Waffe, die von allen möglichen politischen Ideologien genutzt werden kann. Die Aufgabe der Linken ist es also, die Besten in der Nutzung dieser Waffe zu sein. 

Bei den Protesten gegen die Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt 2015 oder gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg gab es massive Ausschreitungen. Wie, denken Sie, wird aus einem ursprünglich friedlichen Protest ein gewalttätiger Aufstand?
Manche haben die Vorstellung, dass während revolutionärer Momente die Fenster von Banken eingeschlagen werden und es demnach einen revolutionären Moment geben wird, wenn ich das Fenster einer Bank einschlage. Es gibt dieses verdrehte Denken. Die Menschen wollen so verzweifelt eine Revolution gegen die Banken, dass sie meinen, sie könnten sie durch aufrührerisches Benehmen erzwingen. 

Was können Menschen tun, die die Gesellschaft verändern wollen, selbst aber keine Aktivisten sind? 
Alle sozialen Bewegungen, die in jüngster Zeit groß wurden – Black Lives Matter, Occupy –, entstanden dadurch, dass jemand etwas auf Facebook gepostet hat. Es kann so einfach sein: „Ich rufe alle zu einem Protest an dem und dem Tag gegen das und das auf.“ Vielleicht protestieren tatsächlich ein paar Leute an diesem Tag mit. Vielleicht nicht. Dann probiert man etwas anderes. Es geht darum, eine Initialzündung zu setzen. 

Und wie soll man die Geduld dafür aufbringen, wenn es beim ersten, zweiten und auch beim dritten Mal nicht funktioniert? 
Revolutionen tauchen nicht auf wie ein Hurrikan, über den Meteorologen sagen können: „Er formiert sich im Pazifischen Ozean und wird in fünf Tagen die Ostküste treffen.“ Zwei Tage bevor der Arabische Frühling begann, hätte niemand gedacht, dass so etwas möglich wäre. Zwei Tage bevor die Russische Revolution begann, hätte niemand gedacht, dass es sie geben könnte. Wer etwas verändern will, muss sich sagen: „Okay, es scheint jetzt gerade unwahrscheinlich, aber es kann jederzeit passieren, also lohnt es sich, es weiter voranzutreiben.“ 

Aber wenn Revolutionen doch sowieso passieren, warum sollte jemand dann Arbeit in Proteste stecken?
Ein Sozialwissenschaftler hat mal gesagt: Wenn während eines Protestes eine Art von welthistorischer Krise aufkommt und der Protest weitergeht, dann hat er eine vierprozentige Chance, erfolgreich zu sein. Es kann sich also lohnen, auch während der Zeit des Stillstands aktiv sein. Zum Beispiel hätte eine soziale Frauenbewegung, eine politische Frauenpartei, meiner Meinung nach gewaltiges Potenzial. #Metoo und die Debatte um sexuelle Belästigung sind wichtig, aber noch tiefer würde eine Frauenbewegung gehen, die sagt: „Wir wollen 50 Prozent der politischen Macht, 50 Prozent aller politischen Ämter in jedem Land, von der lokalen bis zur höchsten Ebene.“ Ich kann mir gut vorstellen, wie das durchstartet. Ein anderes, lohnendes Thema ist die Frage des sozialen Wohnungsbaus. Auf der ganzen Welt haben Regierungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezahlbaren Wohnraum für arme Menschen geschaffen. Nun wird ein großer Aufwand betrieben, diesen wieder loszuwerden. Ich kann mir also eine Bewegung vorstellen, die in Gebieten sozialen Wohnraums entsteht und sich dann sehr schnell in Armenvierteln rund um die Welt verbreitet, eine Bewegung, die die Unbezahlbarkeit des Lebens hervorhebt – etwas, das sehr viele Menschen betrifft. 

Interview: Clara Hebel / Source: http://www.fr.de/politik/zeitgeschichte/die68er/micah-white-das-system-ist-gut-darin-opposition-aufzusaugen-a-1496584,0


«Wir sind die 99 Prozent!» – unter diesem Motto erreichte am 17. September 2011 eine beispiellose Protestbewegung ihren Höhepunkt. Einen Monat später war alles vorbei. Warum? Mit Micah M. White, dem Chefstrategen von «Occupy», sprach Hannes Grassegger. 

«Occupy Wall Street». Tausende demonstrierten gegen die Macht des Kapitals und campierten erst im New Yorker Zuccotti Park, dann in allen grösseren amerikanischen und vielen europäischen Städten, bis die Polizei die Camps zum Teil gewaltsam räumte. Die spektakulären Besetzungen schienen aus dem Nichts gekommen zu sein. Erst als sich der Nebel aus Tränengas und Falschmeldungen gelichtet hatte, stellte sich heraus, dass dahinter zwei Leute standen, Kalle Lasn und Micah White, die die Bewegung und ihre Strategie präzise geplant hatten. White hat das Scheitern der Occupy-Bewegung analysiert und seine Lehren daraus gezogen. 

Das Magazin — Warum scheiterte Occupy?

Es war kein totaler Fehlschlag. Es hat die Diskussion in Amerika verändert, beispielsweise zu Einkommensunterschieden. Es hat auch eine neue Generation von Aktivisten hervorgebracht und Nachfolgebewegungen wie «Black Lives Matter», die sich gegen behördlichen Rassismus einsetzt. Ich nenne Occupy einen konstruktiven Fehlschlag.

Was war daran konstruktiv?

Dass wir etwas lernen konnten: Occupy schlug fehl, weil wir einer falschen Annahme darüber folgten, wie man im 21. Jahrhundert sozialen Wandel schafft. Das falsche Rezept für Protestbewegungen lautet: Bringe Millionen von Menschen auf die Strasse, lasse sie eine klare Forderung formulieren – und dann werden die Volksvertreter zuhören. Diese Annahme ist der grösste Fehler des heutigen Aktivismus.

Ihr Buch heisst «The End of Protest». Sie sagen, der Protest sei tot. Wann ist er denn gestorben?

Eigentlich schon am 15. Februar 2003, bei den weltweiten Märschen gegen den Irakkrieg. Millionen gingen auf die Strasse, rund um die Welt. Als Reaktion darauf sagte George W. Bush nur: «Ich beuge mich keiner Interessengruppe.» Das war der Moment, in dem sich zeigte, dass Grossdemonstrationen Regierungen nicht zum Zuhören zwingen können.

In Ägypten, Libyen und Syrien wäre es also besser gewesen, wenn die Menschen gar nicht erst auf die Strasse gegangen wären?

Nein, das nicht. Denn wie sie geschafft haben, was sie erreichten, und auch aus dem, was sie nicht erreichten, kann man eine Menge lernen.

Nämlich?

Die erste Lektion ist: Eine erfolgreiche Bewegung entsteht, wenn die Leute aufhören, Angst zu haben. Durch eine Art kollektive Erleuchtung oder Stimmung, die sich verbreitet. Der Arabische Frühling wurde losgetreten durch den dramatischen Märtyrerakt eines tunesischen Obsthändlers, der sich verbrannte. Das löste eine kollektive Leidenschaftlichkeit aus, und die Leute verloren ihre Furcht. Die zweite Lektion: Man kann keine Protestbewegung mit dem Ziel entwerfen, gewählte Volksvertreter zu beeinflussen. Du kannst Millionen auf der Strasse haben, aber Politiker müssen einfach nicht zuhören. Die dritte Lektion: Man muss nicht nur die Regierung stürzen, sondern anschliessend auch die Regierung stellen.

Uns in der Schweiz geht es eigentlich ganz gut. Wozu sollten wir eine Revolution brauchen?

Das ist das Kernproblem in der entwickelten Welt. Der erste Schritt zur Revolution ist ein inneres Erwachen. Ein Verständnis davon, dass die Lage in Wahrheit gar nicht gut ist. Dass die Zukunft düster ist, wenn wir so weitermachen. Und dass sich das alles nicht anders als durch eine Revolution lösen lässt. Es beginnt mit einem Erwachen.

Woraus sollen wir denn erwachen? Die vage Behauptung, dass der Untergang droht, wenn alles so weitergeht wie bisher, überzeugt mich nicht.

Die apokalyptische Drohung vieler linker und vor allem der Ökobewegungen, dass wir am Rande der Katastrophe stehen, zieht nicht mehr. Das stimmt. Aber Sie können nicht leugnen, dass wir ganz real vor einer Reihe gewaltiger Probleme stehen, seien es der Klimawandel, die enormen Einkommensunterschiede, Pandemien oder die Flüchtlingskrise. Um diese Krisen zu bewältigen, brauchen wir eine gemeinsame Kreativität – die im derzeitigen Konsumkapitalismus einfach nicht da ist. Wirklich falsch läuft in meinen Augen auch etwas auf einer spirituellen Ebene. Eine Art Unterdrückung unserer Kreativität.

Das müssen Sie erklären.

Als ich zum Höhepunkt von Occupy Wall Street mit meiner Frau nach Oakland kam, um gegen die Räumung des Hafens zu protestieren, standen dort 30 000 Leute. Sie waren wunderschön. Jeder hatte leuchtende Augen. Jeder war glücklich und strahlte und teilte sein Essen mit anderen. Es war ein Moment gemeinsamer Erleuchtung.

Es geht Ihnen gar nicht um die Systemveränderung?

Ich glaube, dass spirituelle Gründe mindestens genauso wichtig für eine Bewegung sind, wenn nicht wichtiger. Spiritualität ist eine Stärke. Heute sind die Regierungen materiell gut ausgerüstet mit Armee und Polizei, aber spirituell sind sie schwach.

Sind Revolutionen per se gut?

Nein, es gab negative Revolutionen. Den Faschismus etwa. Revolutionen sind immer gefährlich. Gleichzeitig ist Wandel notwendig, damit wir unsere Probleme bewältigen können und um auf ein höheres zivilisatorisches Level zu gelangen.

Muss es denn immer gleich der Umsturz sein? Könnten wir nicht einfach langsam unsere Werte und Einstellungen ändern? Vorhin erwähnten Sie doch die spirituellen Grundlagen der Revolution.

Das ist ein Weg. Bei der Revolution aber geht es darum, die Welt grundsätzlich zu ändern. Es gibt verschiedene Modelle, wie die Revolution beginnt. Weg eins: Der einzelne Mensch wird aktiv, um objektiv etwas zu ändern. Weg zwei: Die Revolution wird von aussen ausgelöst. Beispielsweise liessen rekordhohe Essenspreise den Arabischen Frühling entstehen. Das Modell, das Sie erwähnt haben, ist das subjektivistische: Wenn ich die Welt anders sehen kann, dann ändert sie sich für mich. Das Problem am Subjektivismus ist aber, dass man die Welt um sich herum nicht ändert.

Sie haben kürzlich gesagt: «Der beste Aktivismus ist jener, der das tut, wovor wir uns am meisten fürchten.» Wie ist das gemeint?

Es ist ein Denkfehler, dass man die Leute für die Revolution da abholen sollte, wo sie sich am wohlsten fühlen. Man lässt sie einen Link klicken oder eine Petition unterschreiben und glaubt, dass sie sich auf diese Weise radikalisieren. Das ist komplett falsch. Bei Occupy und im Arabischen Frühling haben wir gelernt, dass Mut ansteckend ist. Wenn Menschen andere Menschen bei mutigen Taten sehen, andere ihr Leben riskieren sehen, das lässt sie aufwachen. Um eine Bewegung zu entfachen, muss man Leute dazu bringen, Dinge zu tun, die sie am meisten fürchten – und dabei andere zusehen lassen. Man muss mit den schwierigsten Sachen anfangen, nicht mit den leichtesten.

Sie haben öffentlich gesagt, Gewaltanwendung könne nützlich sein.

Das ist das heikelste Thema. Ich lehne Gewalt ab, die Geschichte zeigt jedoch, dass sie kurzfristig etwas bringen kann. Langfristig aber frisst Gewalt die Revolution auf. Das zeigt sich von Che Guevara bis zur RAF.

Spirituelle Erweckungen, demonstrative Taten, Gewalt – das erinnert ein wenig an die Strategien des Islamischen Staates...

ProJihadisten sind natürlich kein Vorbild. Aber das weltweite Kalifat, diese Idee, dass ein gemeinsames Ideal die Regierungspolitik mehrerer Länder steuert, scheint im 21. Jahrhundert sehr kraftvoll und überzeugend zu sein. Das Morden ist grauenvoll, aber, nüchtern betrachtet, haben die Jihadisten eine enorm erfolgreiche Strategie verfolgt.

Dafür stehen Sie in Kontakt mit europäischen Protestparteien. Was wollen Sie von ihnen lernen?

Mich interessiert Movimento Cinque Stelle (M5S) als ein Beispiel für die Verschmelzung einer horizontalen Bewegung mit einer vertikalen, organisierten Partei. Sie haben eine elektronische Lösung dafür gefunden, Entscheidungen innerhalb der Bewegung zu treffen, eine Plattform für digitale Demokratie. Cinque-Stelle-Aktivisten können Leute bestimmen, die sie zur Wahl stellen. Bei Occupy Wall Street hatten wir gerade mal eine Reihe festgelegter Handzeichen, um besser diskutieren zu können.

Elektronische Plattformen sind aber auch optimal für die Regierung. Man kann Revolutionen einfach ausknipsen.

Stimmt. Die Infrastruktur des Internets gehört nicht uns. Wir können dem Netz nicht vertrauen. Gleichzeitig hat es uns geholfen, eine Stimmung zu verbreiten, die Menschen zum Demonstrieren brachte. Und wir konnten Taktiken verbreiten. Wenn in der Schweiz eine neue Protestmethode entwickelt wird, ist sie innerhalb von 24 Stunden in den USA.

Edward Snowden ist jetzt auf Twitter, er hat innerhalb weniger Tage über eine Million Follower. Ihnen ist der Twitter-Account abgestellt worden während Occupy.

Ja. Ich hatte beim Protest gegen die Nutzungsbedingungen von Twitter verstossen. Ich hatte eine Telefonnummer getweetet.

Also die Revolution besser doch ohne Internet organisieren?

Wir brauchen das Netz. Man muss schnell sein. Erfolgreiche Protesttaktiken funktionieren nur so lange, bis die Gegner ein Gegenmittel gefunden haben. Die Revolution von 1848 in Deutschland war so lange erfolgreich, bis die Regierungsgewalt ein Mittel fand, die Barrikaden der Revolutionäre aus dem Weg zu räumen. Die Pariser Kommunarden von 1872 konnten diese Taktik dann nicht mehr verwenden. Man kann nie zweimal auf die gleiche Art erfolgreich protestieren. Das Problem bei Occupy war beispielsweise, dass die Taktik, also das Besetzen von Plätzen, gleichzeitig der Name der Bewegung war. Sobald die Regierungen ein Mittel gegen die Okkupationen gefunden hatten, war Schluss mit Occupy. Ich schätze die Halbwertszeit von Protesttaktiken auf ungefähr vier Wochen.